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conhereos – ist Raumambulanz?

Wer ist die Raumambulanz?
Anlässlich des ASRM 2011 hatte sich conhereos entschlossen mit einem eigenen Projekt
an der Veranstaltung teilzunehmen. conhereos suchte sich den neu entstehenden Stadtteil »Künstlerviertel« für eine grundlegende Untersuchung aus. Da es dabei um Raumerforschung ging und gebaute »Verletzungen« an vielen Stellen zu finden waren, fiel der Begriff einer Ambulanz, für Raumfragen und erster Hilfe.

Alles ist künstlich

Zunächst erscheint die Feststellung »Alles ist künstlich«, sehr banal, jedoch dient diese Aussage dem Erlangen einer gedanklichen Freiheit. Es erscheint als ein gutes Werkzeug sich zunächst wieder in Erinnerung zu rufen, dass in der Regel alles was wir als Raum wahrnehmen
künstlich und von Menschen erschaffen wurde. Selbst die Natur im Verständnis als Landschaft ist, bis auf wenige Ausnahmen, ein Bereich strukturierter Organisation mit unterschiedlichen Graden von künstlicher Optimierung.
Daher erscheint es zunächst hilfreich sich verschiedener bestehender Muster zu entledigen um eine kreative und visionäre Planung zu erleichtern.

Der Weg über die Abstraktion von Gegebenheiten erscheint als traditionell künstlerisches Mittel, für eine mögliche Form der Umgestaltung. Verändern wir geschaffen Künstlichkeiten durch deren radikale Veränderung, entstehen neue Perspektiven. Als Beispiel könnte ein 60-er Jahre Bau, trotz aller scheinbarer Tristesse, mit expandieren Formen und Eingriffen in den Baukörper, zu einen hoch spannenden und anschaulichen Objekt werden. Der hier meist vorhandene Parkbereich könnte umgebaut und als Treffpunkt für die Bewohner genutzt werden.
Also auf Tour gehen, um die Häuser ziehen und Beobachten. Mit einem gesunden, situationistischen Ansatz einen zeitgenössischen Dérive vollziehen und alle örtlichen Gegebenheiten hinterfragen. Erkennen wir zunächst den kranken Bestand, finden hier neue Potentiale und entwickeln einen neunen, – besseren Raum.

Alles ist zu hinterfragen

Wer immer für die Bedingungen in Städten und Landschaften verantwortlich erscheint, kann bei allen Bemühungen und demiurgischen Wollen mit seinen Handeln nur scheitern. Warum ist das so?
Es fehlt meist an Kommunikationsbereitschaft, die Angst vor Demokratisierung von Prozessen, insbesondere bei einer ernsthafte Umsetzung, hemmt die Planer bei Stadtentwicklungsprozesse. Schnell und effektiv soll gebaut werden, zeitliche Ressourcen sind aus finanziellen Gründen knapp bemessen. Es werden durchaus bei Stadtteilprojekten Bürgerbefragungen durchgeführt, viel öffentliches Interesse bewirkt dies, doch tatsächlich umgesetzt werden die daraus resultierenden Wünsche selten. Private Bauträger kaufen ganze Stadtteile und verfolgen naturgemäß rein wirtschaftliche Interesse, und das meist in Eile und kurzfristig. Die Öffentliche Hand hat dabei bestenfalls noch Beraterfunktionen.
Auch die sozialen Verhältnisse wandeln sich ständig, stabile Quartiere mit alteingesessen Bewohnern finden sich kaum noch in Städten. Die Bewohner wechseln sehr oft ihr Wohngebiet und Prozesse wie, Demographie, Gentrifizierung und Errichten von Neubauten verhindern das Bilden einer ortsbezogenen und verantwortungsbewussten Opposition. Gerade die fehlende Kontinuität in einer offensichtlich eher entpolitisierten Gesellschaft, lässt mit Hilfe des Faktors Zeit, eine effektive Protestkultur kaum entstehen. Alternative Vorschläge für eine bessere Stadtplanung werden konsequent ausgesessen, bestehende Prozesse durch mit zähen Dialogen ins unendliche gedehnt. Der resignierte Rückzug ins Private sind die Folge und der Individualpragmatismus siegt.

Wo lässt echter öffentlicher Raum noch finden? Eine Fußgängerzone ist kein kommunikativer Raum, sondern verfolgt rein kommerzielle Ziele, inklusive der Straßenmusiker und bettelten Punk. Die Geschäfte sind in privater Hand und bewirken, dass Alles sich dem Handel orientiert, Öffentlichkeit und Konsum werden kritiklos gleichgesetzt. Shopping gilt schon lange als Freizeitbeschäftigung. Die passenden Gefühlswelt dazu wird von Architekten und Psychologen in Ausformung von Passagen oder Malls realisiert. Gibt es denn überhaupt noch eine anderes Interesse am öffentlichen Raum?
Was ist das Recht auf Stadt?
Kann es überhaupt gelingen Menschen in einen öffentlichen Bereich zusammen führen ohne finanziell verwertbare Interesse zu verfolgen und zugleich keinen sozialistisch, angehauchten Zwang auszuüben?

Alles ist formbar

Wo wäre der Platz für einen öffentlichen Handlungsraum?
Handlungsanweisung in Sinne der Raumambulanz:
Stellen wir uns passende Fragen nach einer zunächst subjektiv getroffenen Wahrnehmungsreise. Wir erkennen einen Ort, an dem wir soziale oder gestalterische Defizite verspüren. Dann bestimmen wir dort einen bestimmten Bereich, den wir als neuen Raum entwickeln möchten. Es finden sich eventuell bereits Hinweise, wo Menschen sich gerne aufhalten, der Sonnenstand, die Bodenbeschaffenheit oder andere Faktoren helfen bei der Suche. Dieser Bereich muss als Raum definiert und erfahrbar werden. Dazu muss er optisch Sichtbar werden, folglich ist eine auffällig Markierung nötig, um ein eindeutiges Signal als Kontrapunkt zu erhalten. Es bedarf bei der Gestaltung des Signals sicher eines gewissen Anteil an Spektakel, je trivialer jedoch der Bestand, um so geringer das nötige Maß an optischen Aktionismus. Ab jetzt entsteht ein Kunstwerk im öffentlichen Raum, es enthält visuellen Funktionen und bietet Optionen einer unkomplizierten Zusammenkunft.
Es entsteht ein optionaler Handlungsort.

Bei dem nach außen gerichteten Angeboten von conhereos handelt es sich um die künstlerische Eigenproduktion – Objekte, Installationen, Projekte der Stadtentwicklung.

Allgemein könnte die Produktabnehmer als die Bevölkerung oder Bewohner gesehen werden. Das Produkt von conhereos ist und bleibt Kunst. Kunst erlaubt es stets gesellschaftliche Nische zu sein, – ein Rückzugsort für freies Denken und Handeln. Daher erstellen wir keine Architektur sondern spielen damit. Die Neugier und das Experimentieren mit Versatzstücken treiben uns dazu ähnliche Dinge zu entwickeln wie in der bebauten Welt.
Es geht bei den Projekten dennoch weniger einem Kunstpublikum zu zuarbeiten, sondern gerade der Kunstfremde erscheint als die interessantere Gruppe. Diese Form des Handelns versteht sich daher auch als ein Angebot über das »System Kunst« nachzudenken.
Eine kritische, somit politische Auseinandersetzung mit Kunst ist als sozialer Prozess zu verstehen. Unsere künstlerischen Produktionen erwarten keine Tolerierung, sondern beabsichtigen ein gemeinsames Intervenieren im Stadtraum.

  • Gehen wir weiterhin davon aus, dass einem öffentlichen Bereich eine bestimmte Aufgabe zukommt. Wenn diese nicht der Konsum wäre und eine Stadtmitte nicht dessen Optimierung nachkäme, welche Aufgabe hätte ein öffentlicher Bereich heute dann?
  • Haben wir eventuell versäumt von einer Stadt etwas anderes zu erwarten oder einzufordern?
  • Wer verkörpert die Stadt? – die multikulturelle Gesellschaft ist schon lange Realität, doch wo hat diese im öffentlichen
  • Leben ihren gemeinsamen Raum?
  • Was wären Alternativen?
  • Muss vermutlich deutlich radikaler gedacht werden?

Alles von Jedem —> Abschluss link RECHT AUF STADT aus Hamburg